Naturhufpflege » "International Wild Equid Conference"

Wildpferde-Konferenz Juni 2010 auf der Kings Creek Station

 

Ende Juni 2010 fand auf der "Kings Creek Station" (im Northern Territory, Australien) die "International Wild Equid Conference" statt - eine Veranstaltung im Rahmen einer vierjährigen Forschungsarbeit über die Wildpferde Australiens, organisiert von der "ABRU" - Australian Brumby Research Unit.

Auf nach Australien

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Pferde am Wasserloch
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Ein Staubbad!
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Felszeichnungen

 

 

 

 

 

 

 

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Felsen in der Wüste
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Bei den "Devil's Marbles"
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Spuren im Wüstensand

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem über 20-stündigen Flug kamen wir leicht übermüdet, aber froh, im Herzen Australiens, in Alice Springs, an. Schon auf dem Flugplatz fiel das üppige Gras auf - der Wüstenboden, der im Normalfall mehr oder weniger nur Sand und Geröll zeigt, war mit langgewachsenem, trockenem Gras bedeckt. Es musste diesen Herbst und Winter wohl viel geregnet haben, hier im "Red Center". Gut!

Im Outback

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"Kamelbabies auf der Kings Creek Station"
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"Beim Vortrag von Chris Pollitt"
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"Kamelherde in der Ferne"

 

 

 

 

 

 

 

Nach einer langen, etwas holprigen Fahrt über Schotterpisten im "Troopy" (einem extra langen Toyota 'Landcruiser' mit Sitzreihen) kamen wir auf der Kings Creek Station an. Hier erwartete uns schon die Gastfreundschaft und rauhe Herzlichkeit der Leute im Outback.

Kings Creek Station befindet sich in der Nähe des Kings Canyon, ca. 400 km süd-westlich von Alice Springs - eine halbe Tagesreise über Asphalt und Schotterpisten entfernt (also "nebenan" für australische Verhältnisse). Noch in den 1980er-Jahren gab es an diesem Flecken Outback wenig mehr als Wildnis, eine Piste zum Kings Canyon und weiter hinein im Outback, wilde Kamele und Pferde. In den vergangenen Jahrzehnten entstand hier eine der schönsten Stationen Australiens, genannt "Roadhouse" mit Zeltplatz, Zelthütten, Restaurant und vielfältigen Freizeit-Möglichkeiten: Besuch des Kings Canyon, Kamel-Reiten, Quad-Touren, Hubschrauber-Rundflug, Touren im Outback, ...

Aber wir waren nicht nur für den Urlaub hier – es erwartete uns in den folgenden fünf Tagen ein vielfältiges Programm mit Referenten aus USA und Australien, Ausflüge in die Wüste um die Wildpferde zu beobachten, Hubschrauber-Rundflug und Kamelritte. Nicht zuletzt war es toll, alte und neue Freunde zu treffen und Kontakte zu knüpfen.

Die Referenten

  • Brian Hampson, Initiator der Konferenz, hat seit 2006 die Brumbies (Wildpferde in Australien) im Rahmen seiner Doktorarbeit erforscht, mit dem Schwerpunkt auf Hufgesundheit, Bewegungsmuster und Ernährung
  • Chris Pollitt, Brians Doktorvater, ist ein weltweit geschätzter Wissenschaftler, der seit Jahrzenten Hufrehe, Ernährung und Gesundheit der Pferde erforscht
  • Steven Petersen aus Utah (USA) erforscht mittels GPS-Geräte Bewegungsmuster der Mustangs (die Wildpferde in den USA)
  • Jason Ransom aus Colorado (USA) erforscht seit vielen Jahren das Verhalten der Mustangs
  • Dave Berman aus Australien forschte bereits in den 1980-er Jahren im Outback und erfreute uns mit seiner "bush poetry"
  • Magdalena Zabek, Melody de Latt und einige Praktikanten, im Team der "ABRU" (Australian Brumby Research Unit) der University of Queensland

Brian Hampson

verbrachte viele Tage und Wochen mit seinem Team in der Wüste, um Wildpferde zu beobachten, mit GPS-Sender zu versehen, ihr Verhalten aufzuzeichnen und ihre Hufe sowie Fressverhalten zu erforschen. Ursprünglich ist Brian Physiotherapeut, der dann auf Physiotherapie für Pferde umsattelte und 2006 unter Chris Pollitt seine Doktorarbeit über die Brumbies an der University of Queensland begann, um das weitgehend ungestörte Leben der Wildpferde, Ernährung, Verhalten und insbesondere Hufe und Hufrehe zu erforschen. 

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Brian auf der Suche nach den Pferden
Einer der Eckpunkte seiner Forschung war der Austausch von Pferden aus Queensland (fruchtbare Wildniss, genug Wasserquellen) in die Wüste (karges Land, wenig Wasser) und umgekehrt. Er fing mithilfe von Betäubungspfeilen je vier Pferde ein, trainierte sie vor Ort halfterführig, brachte sie zunächst in die Universität von Brisbane, Queensland, um ihre Hufe zu vermessen und fuhr sie dann in ihr Zielgebiet, über 2500 km durch halb Australien.

Diese und auch "einheimische" Pferde wurden mit GPS-Empfänger und Radiosender ausgestattet, um aufzunehmen, wo und wieviel sie sich bewegen, wo ihre Weidegründe und ihre bevorzugten Wasserquellen liegen. Mittels Senderortung wurden die Tiere wieder gefunden und abermals betäubt. Die Auswertung der GPS-Daten brachte z.T. erstaunliches hervor: manche Pferde kamen nur jeden vierten Tag zum Wasser zurück, legten teilweise 25 km und mehr in einer Nachtreise zurück. Die weiteste bisher gemessene Entfernung zum Wasser waren 65 km!

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Brumby im gestreckten Galopp
Die ausgesetzten Pferde wurden nach ca. 3 Monaten wieder eingefangen. Anhand von am Huf angebrachten Markern konnte das Wachstum beobachtet werden. Die in der Wüste ausgesetzten Pferde aus Queensland verdoppelten ihr Hufwachstum. Dies ist auf die stark gestiegenen Anforderungen an ihre Hufe zurückzuführen: wesentlich mehr Bewegung, mehr Hornabrieb auf harten, steinigen und sandigen Böden. So wurde aus einem "Queensland-Huf" mit langen Wandüberständen, Rissen und Ausbrüchen innerhalb weniger Monate ein "Wüstenhuf" – kurz, hart, dicke Sohle und Wände.

Eine neue Erkenntnis ist, dass viele Pferde in der harschen Wüstenlandschaft – die Böden Stein, Sand, Schotter, das Futter weit entfernt vom Wasser – an chronischer Hufrehe leiden und die Hufe entsprechend Gegenmaßnahmen ergriffen haben: dicke, starre Kapsel (Hufwand und Sohle) sowie teilweise Verknöcherungen der Hufknorpel.

Kontakt und Newsletter hier: www.wildhorseresearch.com

 

Chris Pollitt

Chris brachte uns in seinem ersten Vortrag Australien und seine Naturgeschichte, die Besiedlung und Erforschung näher. Es ist eine bemerkenswerte Leistung der vielen Eroberer gewesen, mit karger und z.T. völlig inadequater Ausrüstung einen Kontinent zu durchqueren und für die Besiedlung zu erforschen. Allein die Errichtung der Telegrafen-Linie quer durch die Wüste war schon eine herausragende Leistung sowie die schrittweise Besiedlung des Outback durch Rinderfarmen und schließlich auch durch verschiedene Bergwerke.

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Das Team der "ABRU" -
"Australian Brumby Reasearch Unit"
In einer weiteren Präsentation erfuhren wir über die Forschungstätigkeit der University of Queensland in Brisbane, an der Chris Professor war. Sie haben z.B. bei mehreren Projekten die Mechanismen der Entstehung von Hufrehe sowie die Funktionalität des Hufes erforscht und für die Fachwelt z.T. revolutionäre Erkenntnisse zutage gebracht. Beispielsweise wurde durch die Induzierung von Insulinüberschuß Hufrehe ausgelöst und Folgen am Huf erforscht. So findet die erste Schädigung bereits 2 Stunden (!) nach Beginn statt - lange Zeit bevor man "von außen" eine Schmerzäußerung bemerken würde.

Weiteres ist hier nachzulesen: www.laminitisresearch.org

 

Steven Petersen

Steven erforscht Mustangs in Utah und angrenzenden Bundesstaaten der USA mittels GPS-Geräten. Er hat in der Vergangenheit u.a. auch die Populationen der Bighorn Sheep in Utah erforscht.

 

Jason Ransom

Jason präsentierte uns auf anschauliche Weise seine Forschungen über die Mustangs und Wildesel in verschiedenen Gebieten der USA. Schwerpunkt seiner Untersuchungen sind das Verhalten der Pferde in der Herde mit genauer Buchführung, wie lange sie womit beschäftigt sind. Interessant ist, dass die Tiere in den USA ein meist entspannteres Verhalten zeigen, da die Weidegründe reicher und die Wasserstellen weniger weit voneinander entfernt sind. Die Familiengruppen dort sind deutlich größer, als die, die man in Australien vorfindet.

Ein Teil seiner Forschungsergebnisse sind hier veröffentlicht: Jason Ranson

 

Dave Berman

Hier eine Kostprobe seiner "Busch-Poesie", mit der Dave uns in seinem Vortrag erfreute:

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Galahs
Galah

I was a little pink Galah

Just sitting on the highway tar.

Just sitting, eating [... ]

Then flying high to miss the cars

Which often flatten slow galahs...

(mehr)

 

Dave hat in den Achzigerjahren die Brumbies u.a. nördlich von Alice Springs erforscht. Er war selbst zu Pferd unterwegs und hat u.a. ihr Fressverhalten (durch Dungproben) und ihre sozialen Strukturen erforscht. Zu jener Zeit gab es eine starke Trockenzeit in dieser Gegend Australiens. In eindrücklichen Filmaufnahmen jener Zeit waren die tödlichen Auswirkungen auf die Tierbevölkerung zu sehen. Wenn das Futter karg wird, werden die Wege zu den Weidegründen oder zum Wasserloch oft zu weit und die Pferde - und auch andere Tiere: Kamele, Rinder und die einheimischen Känguruhs und kleinere Wüstenbewohner - sterben schließlich auf grausame Weise.

 

Die "ABRU" Australian Brumby Research Unit - u.a. Magdalena Zabek, Melody de Latt

Magda hat uns mit ihren künstlerischen Foto-Impressionen der Wüste zu verschiedenen Jahreszeiten beeindruckt. Sie war auch die geschätzte Organisatorin im Hintergrund.

 

Taming a Brumby

Teil des Programms war, drei erst wenige Tage zuvor eingefangene Brumbies zu zähmen und, wenn möglich, einzureiten. Zwar konnte man die Pferde nach wenigen Tagen reiten und satteln, jedoch bedeuteten die vielen Zuschauer auch viel Aufregung und Ablenkung für die drei und es gestaltete sich als schwieriger und nicht ganz zufriedenstellend für die Veranstalter.

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Eines der wenige Tage zuvor
noch wilden Brumbies -
nach 3 Tagen bereits geritten.
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Brian "im Gespräch" mit einer Brumby-Stute

 
Nach Brians Erfahrung sind die Wüsten-Brumbies sehr leicht zu zähmen - die ja meistens noch nie einem Menschen begegnet waren, geschweige denn von einem berührt wurden - weil sie nur durch strenge Disziplin in der Wüste überleben können. Dazu zählt, dass sie der Mutter und der Leitstute folgen und gehorsam sind. Wer aus der Reihe tanzt und eigene Wege geht, überlebt nicht. So haben sie gelernt zu folgen und das kann sich auf den Menschen übertragen, wenn er ihnen ein ruhiges Vorbild ist und durch gutes Horsemanship den Weg zeigt.

 

 

Wüstentouren

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Pferde am Wasserloch

Eines vom Besten waren die Exkursionen in die Wüste per Landcruiser und zu Fuß. Wir zogen mehrere Male los, um die Brumbies in der Gegend zu suchen, ihren Spuren im Sand zu folgen und uns über ihre scharfen Sinne zu wundern. Öfters ging es uns so, dass sie uns aus 50 oder 100 Meter Entfernung witterten und flüchteten, noch bevor wir sie überhaupt entdeckt hatten. Die Sinne der Pferde sind ausserordentlich gut ausgeprägt, allem voran Gehör und Geruchssinn. Das erweist sich in der Wildniss als überlebensnotwendig – schliesslich wissen sie ja nicht, dass es in Australien außer den Salzwasser-Krokodilen im Norden keine Fressfeinde gibt.

Einmal, als wir uns an einem Wasserloch versteckten, um auf eine Herde Brumbies zu warten, überraschte mich ihre selektive Wahrnehmung. Gerade, als ich kaum in den einzigen Baum geklettert war, ging in aller Seelenruhe eine Gruppe von Pferden unter mir vorbei – keine drei Meter entfernt. Sie erwarteten keine Gefahr von oben und nahmen mich folglich auch nicht als solche wahr, selbst als ich mich bemerkbar machte.

Unsere Reise zu den Brumbies im Herzen Australiens, dem "Red Center", ergänzten wir nach der Konferenz mit einer Tour nach Darwin und vielen Zwischenstopps: Katherine, Nitmiluk National Park, Kakadu National Park, Devil's Marbles und viele andere schöne Ecken, oft zufällig entdeckt.


Wildpferde im Norden Australien

 

 

 

 

 

 

 

 

© Fotos: Liebner, Schillig © Text: Gunnar Schillig, Januar 2011